Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Sachsen-Anhalt sieht die im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt formulierten Vorstellungen zur frühkindlichen Bildung mit großer Sorge. Insbesondere die angekündigte landesweite Untersagung des offenen Konzepts, die Forderungen zur „Frühsexualisierung“, das einseitige Verständnis von Familie sowie die geplante „strikte politische Neutralität“ für Erzieherinnen und Erzieher greifen aus Sicht des VBE erheblich in die pädagogische Arbeit der Kindertageseinrichtungen ein.

„Kitas sind keine politischen Versuchslabore. Pädagogische Konzepte müssen sich an den Bedürfnissen der Kinder, an fachlichen Erkenntnissen und an den konkreten Bedingungen vor Ort orientieren – nicht an parteipolitischen Weltbildern“, erklärt Torsten Wahl, Landesvorsitzender des VBE Sachsen-Anhalt.

Kein pädagogisches Einheitsmodell per Gesetz

Die AfD kündigt in ihrem Regierungsprogramm ausdrücklich an, das sogenannte offene Konzept „für alle Einrichtungen der Kinderbetreuung in Sachsen-Anhalt“ zu untersagen und das Bildungsprogramm „Bildung elementar“ entsprechend umzuarbeiten.

Der VBE lehnt eine solche politische Festlegung ab. Ob eine Kita offen, teiloffen oder mit festen Gruppen arbeitet, darf nicht zum politischen Glaubensbekenntnis werden. Entscheidend ist vielmehr, ob das jeweilige Konzept fachlich begründet ist, verlässliche Beziehungen ermöglicht, Kinder individuell fördert und ihnen gute Bildungs- und Entwicklungschancen eröffnet.

„Wer Qualität in Kitas verbessern will, muss die Fachkräfte stärken – nicht ihre pädagogische Entscheidungskompetenz beschneiden. Ein staatlich verordnetes Einheitskonzept ist keine Qualitätssicherung. Es ist pädagogische Bevormundung“, so Torsten Wahl.

Auch der VBE-Bundesverband betont, dass die Qualität frühkindlicher Bildung von der pädagogischen Qualität, den Beziehungen und den Rahmenbedingungen abhängt und dass ausreichend Fachkräfte notwendig sind, um Bildungs- und Beziehungsarbeit professionell zu gestalten.

Kinderschutz statt Kampfbegriff „Frühsexualisierung“

Besonders kritisch bewertet der VBE Sachsen-Anhalt die im AfD-Programm verwendete Begrifflichkeit der „Frühsexualisierung“. Das Programm erklärt Sexualerziehung zur „Domäne der Eltern“ und richtet sich gegen pädagogische Angebote, die aus Sicht der AfD einen bestimmten Familien- und Geschlechterbegriff vermitteln.

Der VBE stellt klar: Altersgerechte Körper-, Grenz- und Präventionsarbeit ist keine Frühsexualisierung.

Kinder müssen ihrem Entwicklungsstand entsprechend lernen können, ihren eigenen Körper wahrzunehmen, persönliche Grenzen zu erkennen und zu benennen und sich Hilfe zu holen, wenn diese Grenzen verletzt werden.

„Kinderschutz beginnt damit, dass Kinder ihren eigenen Körper und ihre persönlichen Grenzen kennen. Wer altersgerechte Prävention pauschal als ‚Frühsexualisierung‘ diffamiert, riskiert, wichtige Schutzmechanismen für Kinder zu schwächen“, erklärt Wahl.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Kindern Inhalte aufzuzwingen, die ihrem Alter nicht entsprechen. Es geht um eine fachlich verantwortete, altersgerechte Pädagogik und um den Schutz von Kindern.

Jedes Kind muss sich mit seiner Familie angenommen fühlen

Das AfD-Programm erhebt zugleich die Familie aus Vater, Mutter und Kindern zur „normativen Normalität“ und bezeichnet die Verbindung von Mann und Frau als Grundlage kommender Generationen. Alternative Lebensentwürfe sollen nach den Vorstellungen der AfD nicht staatlich gefördert werden.
Der VBE sieht darin ein problematisches Signal für die pädagogische Arbeit.

„Für ein Kind ist seine Familie keine politische Debatte, sondern sein Zuhause. Kein Kind darf in seiner Kita das Gefühl bekommen, seine Familie sei weniger wert, weil sie nicht einem politischen Idealbild entspricht“, betont der VBE.

Kitas müssen die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Kindern professionell berücksichtigen. Dazu gehören beispielsweise Familien mit Mutter und Vater ebenso wie Ein-Eltern-Familien, Patchworkfamilien, Pflegefamilien oder andere familiäre Lebenssituationen.

Dabei geht es nicht darum, ein bestimmtes Familienmodell politisch zu propagieren. Es geht um einen elementaren pädagogischen Grundsatz: Jedes Kind wird als Kind angenommen und nicht nach der Familienform bewertet, in der es lebt.

Politische Neutralität darf nicht zur pädagogischen Selbstzensur führen

Besonders aufmerksam verfolgt der VBE die Forderung, Erzieherinnen, Erzieher und deren Ausbilder zu „strikter politischer Neutralität“ zu verpflichten. Das AfD-Programm erklärt zugleich, in der Arbeit mit Kindern sei „kein Platz für politische Einflussnahmen und Indoktrination“.

Der VBE stellt klar: Parteipolitische Indoktrination hat in einer Kita selbstverständlich nichts verloren.

Etwas völlig anderes ist jedoch eine demokratische Pädagogik. Kinder lernen Demokratie nicht durch parteipolitische Werbung, sondern durch Beteiligung, das Erleben gemeinsamer Regeln, das Aushandeln von Konflikten, das Zuhören, das Respektieren anderer Menschen und die Erfahrung, dass ihre eigene Stimme gehört wird.

„Neutralität darf nicht bedeuten, dass pädagogische Fachkräfte schweigen müssen, wenn Menschenwürde, Kinderrechte oder demokratische Grundwerte infrage gestellt werden. Demokratie muss in der Kita erlebt werden können – altersgerecht, selbstverständlich und ohne parteipolitische Einflussnahme“, so Wahl.

Der VBE-Bundesverband hat erst jüngst mit Blick auf die politische Situation in Sachsen-Anhalt die Bedeutung pädagogischer Freiheit und einer starken Demokratiebildung hervorgehoben. Dabei wird ausdrücklich zwischen dem Gebot der politischen Unvoreingenommenheit und der Verpflichtung zur Verteidigung demokratischer Grundwerte unterschieden.

Künftige Landesregierung muss Kitas stärken – nicht ideologisieren

Unabhängig vom Ausgang der Landtagswahl erwartet der VBE Sachsen-Anhalt von der künftigen Landesregierung einen klaren Schwerpunkt auf der tatsächlichen Verbesserung der frühkindlichen Bildung.

Dazu gehören aus Sicht des VBE insbesondere:

  • ausreichend pädagogische Fachkräfte,
  • bessere Rahmenbedingungen und Personalschlüssel,
  • Zeit für Beziehungsarbeit und individuelle Förderung,
  • verlässliche Finanzierung der Einrichtungen,
  • eine konsequente Stärkung des Kinderschutzes,
  • wissenschaftlich fundierte und fachlich tragfähige Qualitätsstandards,
  • pädagogische Freiheit innerhalb verbindlicher Qualitätsanforderungen,
  • eine respektvolle Zusammenarbeit mit Eltern und
  • eine klare Stärkung demokratischer Grundwerte.

„Die entscheidende Frage lautet nicht, ob eine Kita ein offenes oder geschlossenes Konzept hat. Die entscheidende Frage lautet: Haben Kinder dort gute Bedingungen zum Lernen, Spielen, Wachsen und Sich-sicher-Fühlen? Dafür brauchen wir Fachkräfte, Vertrauen und gute Rahmenbedingungen – keine politischen Verbote und keine ideologischen Vorgaben“, stellt Wahl abschließend fest.

Der VBE Sachsen-Anhalt fordert deshalb die künftige Landesregierung auf, frühkindliche Bildung nicht zum politischen Kampffeld zu machen, sondern gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften die Qualität der Kitas nachhaltig weiterzuentwickeln.

vbe-redaktionsteam<

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