„Nach der Saison ist vor der Saison!“, „Elf Freunde sollt ihr sein!“ und „Das Runde muss in das Eckige!“ sind so die gängigen fußballerischen Weisheiten, die auf den ersten Blick nicht viel mit dem bildungspolitischen Desaster in unserem Land zu tun haben mögen. Schaut man aber einmal genauer hin, dann gibt es durchaus einige Parallelen.

Es gab mal eine Zeit, da war der Beruf des Lehrers ein Traumberuf, zu dem man sich berufen fühlen musste, um berufen zu werden. Lehrer genossen hohes Ansehen und gehörten im gesellschaftlichen Umfeld zu den Anerkannten. Meist kannte man die Lehrer einer Schule über mehrere Generationen und es kam nicht selten vor, da hatte der Sohnemann oder das Töchterchen bei Herrn Schmidt Mathematikunterricht und man wusste genau, was die Kindlein erwartete, denn dieser „harte, aber sehr gerechte Knochen“ hatte auch mir schon den Umgang mit Zahlen und geometrischen Figuren beigebracht und ich bin ihm bis heute dankbar dafür. In der heutigen Zeit kann es vorkommen, dass die Wanderbewegungen der Lehrer zwischen den Schulen Dimensionen annehmen, die jeden Tourismusverein am Rennsteig sicherlich erfreuen würden. Eine fehlende pädagogische Heimat wird für den einen oder anderen Kollegen erst zum beruflichen und manchmal auch zum persönlichen Problem.

Nun wird man sich zu Recht fragen: Was hat dies alles mit Fußball zu tun? Na, dann schauen wir einmal ein paar Jahrzehnte zurück. Da gab es wie heute viele Fußballmannschaften und auch ich war ein großer Fußballfan. Man hatte seine Lieblingsmannschaft und fieberte mit ihr mit. Man kannte alle Spieler und das Schöne daran war: Diese Spieler identifizierten sich mit ihrem Verein und waren viele Jahre die Helden ihrer Clubs. Ein Dixie Dörner gehörte eben zu Dynamo Dresden und ein Franz Beckenbauer zu Bayern München. Sie waren über Jahre die Aushängeschilder ihrer Clubs und wir als Fans wussten, die Jungs brennen für ihren Verein. Wenn man sich heute die sogenannte Transferpolitik anschaut, dann ist ein Spieler auf Leihbasis mal hier, mal da, ein anderer zeigt eine Woche stolz auf das Vereinsemblem „seines“ Vereins, um dann ein paar Tage später bei einem anderen Verein zu unterschreiben und dort wieder mit großer Geste auf das neue Vereinslogo zu zeigen. Wer sich ein wenig im Fußball auskennt, der weiß, dass der Verein Paris Saint-Germain seit Jahren Millionen in neue Spieler investiert, die aus aller Herren Länder kommen, und trotzdem der große Coup bisher ausblieb.

Sicherlich ist dieser Vergleich ein wenig weit hergeholt, doch er zeigt, dass es sowohl für Lehrer als auch Fußballer sicherlich wünschenswert wäre, wenn es eine gewisse berufliche Heimat geben würde, in der man sich als Teil des Ganzen fühlt und so auch zu besonderen Leistungen imstande ist.

Auch wenn der Lehrermangel absehbar und zum Teil von den Ländern selbst verschuldet ist, macht sich zum Schuljahresbeginn wieder eine große Überraschung über unbesetzte Stellen breit. Ein ähnliches Bild zeigte sich vor einigen Jahren im deutschen Fußball. Nach einer missglückten und erfolglosen Weltmeisterschaft 1998 merkte man, dass man über viele Jahre die Nachwuchsförderung vernachlässigt hatte. Über Jahre wurden aus anderen Ländern Spieler eingekauft und der eigene Nachwuchs, wenn überhaupt vorhanden, bekam kaum die Möglichkeit, Spielpraxis zu sammeln und sich so zu entwickeln. Die Konsequenz war damals die Einrichtung von Jugendförderzentren an den Standorten der Bundesligavereine. Ein erfolgreiches Team braucht sowohl im Fußball als auch in der Schule erfahrene Haudegen und hungrige Newcomer. Die aktuelle Situation in der deutschen Schullandschaft ist von einer gewaltigen Unterversorgung von Lehrpersonal geprägt, insbesondere in Grund- und Sekundarschulen fehlen Tausende ausgebildete Lehrkräfte. Aus der großen Not heraus werden Seiten- und Quereinsteiger vor die Klassen gestellt, in der Hoffnung, dass es schon irgendwie gehen wird. Man stelle sich einmal vor, eine Fußballmannschaft würde auf der rechten Verteidigerposition mit einem Kugelstoßer antreten, im Mittelfeld agiert ein Ruderer und im Sturm läuft ein Schwimmer neben zwei Kanuten auf. Der zählbare Erfolg dieser Mannschaft wäre sicher nicht besonders berauschend. 5 VBE transparent 4|2018 Aktuelles Von massiven Unmutsbekundungen der Zuschauer kann man hier sicher ausgehen und genauso werden die Eltern von Kindern, die von Lehrern unterrichtet werden, die pädagogisches Neuland betreten, nicht begeistert reagieren.

Die letzte Fußballweltmeisterschaft ist sicher allen noch im Gedächtnis. Spannende Spiele, herausragende Emotionen und fantastische Tore gab es zu sehen, doch die deutsche Nationalmannschaft mit ihrem Trainer Jogi Löw war ein Schatten ihrer selbst. Ohne Biss, ohne Selbstvertrauen, ohne den berühmten Funken, der zum Entfachen eines nach Erfolg hungrigen Teams notwendig ist. Jetzt werden die Wunden geleckt und alle Verantwortlichen sitzen in Krisengesprächen zusammen und überlegen, wie ein weiteres Debakel zu vermeiden ist. Vielleicht nutzt man auch im Bildungsbereich einmal die prekäre Situation, um auf längere Sicht ein tragfähiges System der Lehrerbildung zu erreichen. Dabei sollte auf jeden Fall die Unterrichtsqualität wieder im Vordergrund stehen. Man kann sich als Fußballfan und Bürger dieses Landes nur wünschen, dass die Verantwortlichen die richtigen Entscheidungen treffen und wir in Zukunft wieder Pokale in den Himmel heben können und gleichzeitig hoch motivierte Schüler ihrem tollen Lehrer zujubeln.

 

Ludger Thieler,

stellv. Landesvorsitzender