Eine am 24.092020 vorgestellte repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zeigt, dass die Gewalt gegen Lehrkräfte seit 2018 an allen Schulformen deutlich zugenommen hat. Zudem werden die Möglichkeiten der Schulleitungen, die Lehrkräfte ausreichend zu unterstützen, geringer eingeschätzt. Befragt wurden 1.302 Schulleitungen.

„Es ist erschütternd, wie stark die Zahlen gestiegen sind. Zumal die Kultusministerien öffentlich stets versichern, dass es sich nur um Einzelfälle handelt. So wird auch begründet, weshalb teilweise keine Statistiken geführt werden. Die Augen zu verschließen, wird das Problem aber nicht beseitigen. Deshalb lässt sich der VBE nicht von gefühlten Wahrheiten beeindrucken, sondern befragt diejenigen, die es wissen müssen“, erläutert der VBE Bundesvorsitzende, Udo Beckmann.

Auftreten von Gewalt

Die Umfrage zeigt: 61 Prozent der Schulleitungen geben an, dass es in den letzten fünf Jahren an ihrer Schule Fälle gab, in denen Lehrkräfte direkte psychische Gewalt erlebten. 2018 sagten dies 48 Prozent. Eine ähnliche starke Steigung gibt es auch bei der psychischen Gewalt über das Internet. Gaben 2018 noch 20 Prozent der Schulleitungen an, dass diese aufgetreten sei, berichten es nun 32 Prozent. Auf diesem Niveau liegt auch das Erleben körperlicher Gewalt. 34 Prozent der Schulleitungen geben an, dass es an ihrer Schule in den letzten 5 Jahren Lehrkräfte gab, die dies erlebten. 2018 waren es noch 26 Prozent.
Schulformabhängig sind signifikante Abweichungen von den Durchschnittswerten zu beobachten. Direkte psychische Gewalt tritt deutlich häufiger an Sekundarschulen, außer dem Gymnasium, auf (73 % statt 61 %). Psychische Gewalt über das Internet tritt häufiger nach der Grundschule auf (insgesamt: 32 %, Sekundarschulen: 52 %, Gymnasium: 46 %). Körperliche Gewalt hingegen tritt häufiger in der Grundschule auf (40 % statt 34 %). „Jüngere Kinder können ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren und wissen sich manchmal nicht anders zu helfen. Trotzdem ist das eine bedenkliche Zahl, die in den Kultusministerien dringend zu der Frage führen sollte, wie die Lehrkraft unterstützt werden kann. Wir fordern die Einsetzung von multiprofessionellen Teams an allen Schulen, damit auftretende Konflikte mit Fachkräften aus der Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Psychologie schnell und vertrauensvoll bearbeitet werden können“, erklärt Beckmann.

Unterstützung der Lehrkräfte

Sorgen macht auch, dass fast jede dritte Schulleitung, die 2018 noch angab, die Kolleginnen und Kollegen, die Gewaltvorfälle erlebt haben, ausreichend unterstützen zu können, dies nicht mehr sagt. So geben dies 2020 nur noch 56 Prozent an, 2018 waren es noch 87 Prozent der Befragten. Beckmann kommentiert: „Wenn die Gewaltvorfälle stark steigen, bleibt die Unterstützung auf der Strecke. Das ist nicht die Schuld der Schulleitung, sondern eine Frage endlicher Ressourcen. Müsste nicht jede administrative Tätigkeit von ihr ausgeführt werden, hätte sie auch mehr Kapazitäten. Zudem braucht es professionelle Unterstützung durch dafür ausgebildetes Personal.“
Die Unterstützung wird insbesondere dann schwer, wenn sich Eltern nicht kooperationswillig zeigen (69 %; 2018: 59 %) und betroffene Schülerinnen und Schüler uneinsichtig sind (63 %). Zudem kritisiert ein Drittel der befragten Schulleitungen, dass sich das Schulministerium des Themas nicht ausreichend angenommen hat. Ein Viertel gibt an, dass die Meldung von Vorfällen zu bürokratisch und zeitaufwendig ist.

Tabu gebrochen!

Als der VBE die Umfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“ 2016 das erste Mal unter Lehrkräften durchführte, gaben 57 Prozent der Befragten an, dass sie das als Tabu-Thema empfinden. 2018 antworteten schon weniger so, nämlich 39 Prozent der befragten Schulleitungen. In der aktuellen Umfrage gaben dies nur noch 30 Prozent der Schulleitungen an.
Beeindruckend:
Der Wert ist insbesondere bei jüngeren Schulleitungen unter 40 deutlich gesunken   (2018: 53 %, 2020: 30 %).
Beckmann kommentiert: „Das ist der Erfolg des VBE. Wir sind die einzige Lehrkräftevertretung, die sich dieses Themas mit Umfragen annimmt und damit auch auf Bundestags- und Landtagsabgeordnete zugeht. Außerdem haben wir die Ergebnisse nicht nur öffentlich, sondern auch den Kultusministerien zugänglich gemacht und uns mit konkreten Forderungen an sie gewendet. Diese bleiben aktuell.“

Der VBE fordert weiterhin, bestärkt durch die aktuellen Zahlen:

  • Statistiken müssen geführt und von den Kultusministerien regelmäßig veröffentlicht werden.
  • Lehrkraft und Schulleitung müssen die volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten. Dazu zählt auch die unbürokratische Meldung und schnelle Hilfe nach einem Vorfall.
  • Es braucht massive Investitionen in die Bildungsinfrastruktur, damit Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften unterstützt werden können und ein Lernumfeld geschaffen werden kann, das nicht durch fehlende Ressourcen und schulbauliche Mängel geprägt ist, sondern individuelle Förderung gewährleistet.
  • Lehrkräfte müssen besser auf den Umgang mit Heterogenität und das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereitet werden. Hierfür braucht es ein breites Fortbildungsangebot und mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema bereits in der Lehrkräfteausbildung.

vbe-redaktionsteam