Am 07.12.2018 führte der Bildungsausschuss des Landtages ein Fachgespräch zum „Aufbau von Multiprofessionalität an den Schulen“ (siehe Drucksache d3112lbr – „Aufbau von Multiprofessionalität an unseren Schulen in Sachsen-Anhalt“) durch. Dort erhielt der VBE Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, seine Positionen vorzutragen.
Die Stellungnahme trug der VBE-Landesvorsitzende Torsten Wahl vor.

Wenn man sich die Liste im vorliegenden Konzept  beim Durchlesen und die genannten rechtlichen Grundlagen allein von den Daten des Inkrafttretens her betrachtet, stellt sich schon die Frage, warum erst jetzt und warum auch nur „Aufbau“. Vielmehr wird der Eindruck erweckt, dass in den vielen vergangenen Jahren keine Arbeit in multiprofessionellen Teams erfolgte. Der Titel des Konzeptes müsste eher „Ausbau von Multiprofessionalität an den Schulen“ als „Aufbau von Multiprofessionalität an den Schulen“ lauten.

Die im vorgelegten Konzept gemachten Ausführungen und formulierten Anforderungen sind aus Sicht des VBE Sachsen-Anhalt in ihren Aussagen viel zu eng und zu einseitig auf den schulischen Kontext bezogen.

Auch der genannte Personenkreis ist aus Sicht des VBE Sachsen-Anhalt viel zu klein. Es gehören mehr Professionen dazu, damit eine Schule, damit Schule, gut organisiert und gut ablaufen kann:

  1. Schulgesundheitsfachkräfte
  2. Drogen- und Suchtberater
  3. mit Blick auf die zunehmende Zahl an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund – Dolmetscher und psychologische Berater
  4. Unterstützung mit Blick auf die weitere Digitalisierung
  5. Fachassistenten zur Betreuung naturwissenschaftlicher Fachräume

Diese notwendige Erweiterung des Personenkreises zeigt sich insbesondere bei Aufzählung der Aufgaben im Konzept.

Besonders bei der Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund fällt es den Kolleginnen und Kollegen besonders schwer, vor allem den Kolleginnen. Andere Kulturkreise, Sprachbarrieren (z.B. Arabisch, Kurdisch, Hindi usw. und in verschiedenen Dialekten) sowie unterschiedliche, zum Teil feindlich sich gegenüberstehende religiöse Richtungen und besonders die individuell benötigte Zeit stellen die eigentlichen Probleme dar.
Voran gestellt bleibt aber, dass nach wie vor die Integration im gemeinsamen Unterricht und die Inklusion in den Schulen von besonderer Bedeutung sind und bleiben. Deshalb fordert der VBE Sachsen-Anhalt alle Anstrengungen zu unternehmen, um die bisher erreichten Ziele beizubehalten und zu verbessern.

Aus Sicht des VBE Sachsen-Anhalt möchte hierauf einige aufgeführte Aufgaben näher eingehen werden:

  1. Berufsorientierung in einer veränderten Arbeitswelt

Wenn Jugendliche im Verlauf der ersten Wochen ihrer Berufsausbildung feststellen, „Das ist nichts für mich…“ oder wenn sich doch noch die Möglichkeit des Erlernens ihres Traumberufes ergibt, dann wird die Ausbildung „abgebrochen“. Wer soll schuld sein? „Die Schule!“, kommt als erste Antwort. Kann die Schule wirklich alles tun für eine 100%-ige Berufsvorbereitung? 326[1] verschiedene Ausbildungsberufe, 8.832 Bachelor- und 9.113 Masterstudiengänge[2] gibt es zurzeit in Deutschland. Dabei wandeln sich insbesondere die Ausbildungsberufe sehr stark in ihren Inhalten und Anforderungen.
Der VBE Sachsen-Anhalt kann sich nicht vorstellen, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Sekundarstufe I die Jugendlichen so vorbereiten können, dass jeder seine Traumberufsausbildung genau kennt. Vielmehr muss es Aufgabe der Schule sein, und ist es auch, die Jugendlichen so vorzubereiten, dass diese im Leben bestehen und die Anforderungen angehen können. Wer von uns konnte sich vor 20 oder 30 Jahren vorstellen, was heute alles möglich ist. Keiner weiß auch, was in 10 oder 20 Jahren für Herausforderungen oder Möglichkeiten an jeden einzelnen sich eröffnen.
Ein Beispiel soll hier angeführt werden – es ist der Beruf der Schornsteinfegerin bzw. des Schornsteinfegers. Wenn man versucht etwas Ruß von seiner Kleidung als Glücksbringer zu bekommen, wird das ganz schwierig. Aufgrund moderner Heizmethoden ist das Reinigen eines Schornsteins kaum noch notwendig. Statt mit Kehrbesen kommt sie oder er mit einem kleinen Köfferchen, schließt Messfühler an einen Computer an. Dann erhält man ein Messprotokoll, fertig.

  1. Ganztagsschule

An diese Form von Schule wurden und werden große Erwartungen gestellt.
Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus?
Pädagogische Mitarbeiterinnen wurden nur sehr schwer gefunden, die sich bereit erklärten an eine Ganztagsschule zu wechseln. Inzwischen ist es so, dass aufgrund des zunehmenden Personalmangels Ganztagsangebote kaum noch aufrechterhalten werden können. entsprechende Lehrerwochenstunden erhalten die Ganztagsschulen kaum noch. Vielmehr erhalten die Schulen Finanzen nicht immer im notwendigen Maß, um sich „Experten“ von außen einzukaufen. Dieser Umstand ergab sich erst für die Gymnasien, schon unter der Vorgängerregierung, und dann leider auch für die anderen Schulformen.
Ganztagsschulangebote anzubieten oder weiter auszubauen werden immer schwieriger.

  1. Prävention von Gewalt und Sucht

Dieser Schwerpunkt lässt sich an Schulen immer schwieriger realisieren. Das zeigten die Entwicklungen in den letzten 2-3 Jahren.
Gewaltprävention und Umgang mit Gewalt wird für die Pädagoginnen und Pädagogen immer schwieriger. Das zeigen insbesondere forsa-Umfragen aus den Jahren 2016 und 2018 im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung.
In dem vorliegenden Konzept wird auf einen Krisenordner verwiesen. Mehr aber auch nicht. Solch ein Ordner allein reicht nicht aus!
In einem Antwortschreiben des Bildungsministeriums auf eine Anfrage des VBE aus dem Jahr 2017 heißt es: „Eine Hilfestellung für die Gewaltprävention als auch die Erstversorgung an jeder Schule ist der „Krisenordner“, der seit 2015 an allen Schulen des Landes Sachsen-Anhalt in Form von Handlungsleitlinien die Vorgehensweisen strukturiert. Die Inhalte des Ordners richten sich an alle Mitglieder einer Schule, die von besonderen Belastungssituationen oder krisenhaften Ereignissen betroffen sind. Die Prävention, konkrete Situationen des Umgangs mit Gewalt und deren Aufarbeitung sind Thema von Fortbildungen.“
An dieser Stelle zeigt sich, dass das Bildungsministerium sich nicht im Klaren darüber ist, dass ein Nachschlagen in einer strukturierten Anleitung im Ernstfall oft zu viel Zeit verbraucht. Die Durchführung von Fortbildungen zu dieser Thematik war und ist völlig unzureichend.

Auf die Frage, ob Statistiken zu Vorfällen von Gewalt gegen Lehrkräfte geführt und diese öffentlich zugänglich gemacht werden, heißt es: „Die Vorfälle von Gewalt gegenüber Lehrkräften werden weder im Ministerium für Bildung noch im Landesschulamt statistisch erfasst“. Lediglich das Innenministerium kann eine Zahl nennen: 35 Lehrkräfte im Jahr 2016. 35 Lehrkräfte wurden 2016 Opfer einer Straftat während der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit. Diese Angabe konnte bereits aus einer parlamentarischen Anfrage an die Landesregierung im 1. Halbjahr 2017 entnommen werden. Dass sich in Bezug auf Gewalt an Schulen und Gewalt gegen Lehrkräfte schon etwas bewegt hat, zeigen auch inzwischen öffentlich benannte Fälle. Auch das Reagieren der Schulbehörden ist schon etwas besser geworden. Das zeigte sich besonders bei den Ereignissen an der Grundschule in Hessen im Frühjahr des Jahres.

Suchtprävention ist heutzutage nicht mehr nur in Drogen- oder Alkoholsucht zu unterscheiden. Insbesondere durch die zunehmende Digitalisierung im außerschulischen Bereich kommen auch noch verschiedene Arten von Spiel- und Internetsucht hinzu. Schule kann hier einen gewissen Beitrag leisten. Vielmehr ist zu versuchen, dass Eltern, die betreffenden Kinder und Jugendliche sowie Unterstützungssysteme und gegebenenfalls auch die Jugendämter zueinander finden.

Schwierig gestaltet sich diese Aufgabe jedoch, da laut Schulgesetz §1, Absatz 4 „ bei Erfüllung des Erziehungsauftrages … die Schulen das verfassungsmäßige Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder zu achten“ haben. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kolleginnen und Kollege an den Schulen gar nicht für solche speziellen Aufgaben ausgebildet sind.

  1. Medienpädagogik

Seit den 1990-er Jahren wird versucht Medienpädagogik in Schulunterricht zu etablieren.
Allerdings ist diese Etablierung an sehr vielen Schulen durch eine unzureichende Qualifizierung der Pädagoginnen und Pädagogen im Land geprägt. Die technische Ausstattung an den Schulen ist völlig unzureichend. Medienpädagogik ohne  entsprechende technische Ausstattung ist Trockenschwimmen.

Zur Medienpädagogik gehört aus Sicht des VBE auch das große Gebiet Informatik. Informatik als Unterrichtsfach gibt es nur an den Gymnasien, als Wahlpflichtfach. Hier kann sich unter anderem auch mit der Programmierung befasst werden. In den anderen Schulformen im Bereich der Sekundarstufe I besteht diese Möglichkeit nicht. Nur in den Klassenstufe 5, und zum Teil in der Klassenstufe 6, wird sich lehrplanmäßig mit der Arbeit am Computer beschäftigt. In den darauffolgenden Klassenstufen soll sich in Deutsch mit Textverarbeitung, in Mathematik mit Tabellenkalkulation oder in Kunsterziehung mit Bildbearbeitung befasst werden. In Sozialkunde und Ethik sollte sich mit den Auswirkungen und dem Umgang mit Medien befasst werden. Aber irgendwann und irgendwie.

Mit Blick auf die bevorstehenden Geldmittel sollte die Digitalisierung vorangetrieben werden. Sie sollte als Allheilmittel in die Schulen einziehen. Das ist aber zu kurz gefasst.

Zur Medienpädagogik gehört auch der Einsatz von Medien. Aber die Mediennutzung ist nur eine Möglichkeit neben vielen. Denn auch sie erfordert neue Art der Planung und Konzeption des Unterrichts. Dabei ist ganz wesentlich die Verlässlichkeit der Nutzung der Geräte im Unterricht.

Medienpädagogik – darunter verstehen wir als VBE Sachsen-Anhalt aber auch, die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit den Medien und der dazugehörenden Technik mit Blick auf Gefahren und Möglichkeiten zu sensibilisieren. Durch sinnvolle Nutzung und sinnvollen Umgang, z.B. bei Videoaufnahmen für Experimente oder zur Erstellung kleiner Filmsequenzen, Kalenderfunktionen, lernen die Schülerinnen und Schüler diese Technik zu nutzen. Das Erkennen von möglichen Gefahren oder Risiken wird dabei zugleich wesentlich verständlicher.

  1. Schulsozialarbeit

Arbeit in multiprofessionellen Teams – dafür steht vor allem die Schulsozialarbeit in all ihren Facetten. Gerade sie hat in den letzten Jahren unheimlich an Bedeutung zugenommen. Die Verankerung im Schulgesetz ist dafür dringend notwendig. Da die Förderung mittels Geld aus dem Europäischen Strukturfond nach dem Jahr 2020 ungewiss ist, fordert der VBE Sachsen-Anhalt hiermit die Abgeordneten auf die finanziellen Mittel für die nahe Zukunft und langfristig bereitzustellen.

Schulsozialarbeit muss auch weiterhin gut gelingen oder wenn es notwendig ist, auch verbessert werden. Dazu sollen den Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter Schulungsangebote, z.B. in Form von Fortbildungen oder als Qualifizierungsmaßnahmen, angeboten und entsprechende Nachweise eingefordert werden.

Aufgrund von zunehmenden Problemlagen, wie jüngst a der Gemeinschaftsschule „Kastanienallee“, ist es aus Sicht des VBE Sachsen-Anhalt dringend geboten, dass an jeder Schule mindestens Schulsozialarbeiterin und Schulsozialarbeiter vorhanden ist. Aber auch die Unterstützung durch pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Ganztagsschulen bringen durch ihren Einsatz Erleichterung und Unterstützung bei der Arbeit der dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer.

  1. Schulpsychologische Unterstützung

Wenn von multiprofessionellen Teams gesprochen wird, dann gehört die schulpsychologische Unterstützung mit dazu. Leider stellt auch diese ein großes Problem dar. Insbesondere durch die in den vergangenen Jahren zugenommene integrative Beschulung, aber auch die durch die zunehmende Zahl an verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schüler sind die Kolleginnen und Kollegen auf die Unterstützung durch die Schulpsychologinnen und –psychologen angewiesen.

Bei der gesamten Betrachtung darf die Unterstützung und Hilfe durch Träger der öffentlichen und freien Jugendhilfe nicht vergessen werden. Dabei ist unbedingt darauf zu achten, dass die Hilfe auf das betreffende Kind ausgerichtet sein muss.

  1. Schulleitungen

Wichtigster Entscheidungspartner und Helfer und bedeutender ist die Schulleitung. Auch diese darf bei den vielfältigen Aufgaben, die der Schule zugedacht sind und auch werden, nicht allein gelassen werden.
Wie die Lehrerinnen und Lehrer ihre dienstlichen Vorgesetzten in den Schulleitungen haben, haben diese auch wiederum ihre Vorgesetzten in den schulfachlichen Referenten im Landesschulamt. Das bedeutet, die Schulbehörde gehört genauso in ein multiprofessionelles Team.

Multiprofessionalität an Schulen heißt aus Sicht des VBE Sachsen-Anhalt auch ein Umdenken in Hinblick auf die Gestaltung von und Entwicklung von Schule vor Ort.

Schulgesundheitsfachkräfte als Ergänzung von solchen Teams stellen eine Bereicherung dar. Wie sich die Idee der Schulgesundheitsfachkräfte umsetzen ließe, zeigen die von der Charité begleiteten Projekte in Brandenburg und Hessen. Diese Fachkräfte sind nicht nur eine „einfache Schulkrankenschwester“. Sie haben vielmehr auch die Aufgabe, die Lehrerinnen und Lehrer in Präventionsfragen zu unterstützen. Erste-Hilfe-Maßnahmen helfen oder Erstversorgung durchführen. Kinder mit chronischen Erkrankungen müssen die Schule besuchen können. Der Staat muss auch daher eine medizinische Grundversorgung durch Schulgesundheitsfachkräfte an allen Schulen sicherstellen.
Zusätzlich zu den regelmäßigen Untersuchungen bei dem Kinder- und Jugendarzt müssen Schülerinnen und Schülern Angebote zur Gesundheitsprävention erhalten. Die Lehrkräfte können dies nicht zusätzlich leisten. Schulgesundheitsfachkräfte sollen präventive Angebote machen und damit zu einer gesünderen Lebensweise der Schülerinnen und Schüler beitragen.

Gute Arbeit an den Schulen, gute Arbeit in multiprofessionellen Teams gelingt nur dann, wenn das notwendige Personal auch ausreichend vorhanden ist. Das ist der Dreh- und Angelpunkt.

Welche Auswirkungen die Unterversorgung hat, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss im letzten Schuljahr wieder gestiegen ist.

An sehr vielen Schulen Sachsen-Anhalts gab es in der Vergangenheit gut funktionierende, multiprofessionell arbeitende Teams. Dahin müssen wir als Land wieder zurück. Aber zurzeit sind wir leider davon komplett weg.

 

vbe-redaktionsteam

 

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/156901/umfrage/ausbildungsberufe-in-deutschland/

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2854/umfrage/bachelor–und-masterstudiengaenge-in-den-einzelnen-bundeslaendern/