Batman, Superman oder Catwoman waren gestern, heute ist der „Superlehrer“ der wahre Actionheld. Warum dies so ist, werden Sie sich jetzt fragen? Ganz einfach, es gibt wohl kaum eine Berufsgruppe, die sich so heldenhaft unter teils widrigen Bedingungen jeden Tag wieder in das Getümmel stürzt und versucht, Wissen und Werte zu vermitteln, ohne dabei irgendeine gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Jetzt könnten Sie meinen, selber schuld, warum ist sie oder er denn Lehrerin oder Lehrer geworden? Nun wäre man durchaus in der Lage eine lange Liste von Gründen anzuführen, die dafür sprechen, den Beruf des Lehrers zu erlangen. Aber dies möchte ich hier gar nicht tun. Vielmehr soll es darum gehen, wie ein solcher „Superheld“ eigentlich sein sollte, damit er auch die unendlich vielen Ereignisse des Alltags unbeschadet meistern kann.

Können Sie sich noch an Ihre eigene Schulzeit erinnern? Sicherlich gab es da diese Helden, die irgendwie in Erinnerung geblieben sind. Sie trugen natürlich keine besonderen Kostüme oder flogen mit Megakräften durch den Klassenraum. Aber irgendetwas hatten diese Lehrerinnen und Lehrer, was sie in unserer Rückschau in einem ganz besonderen Lichte erscheinen lässt. Erstaunlicher Weise sind es nicht für alle Schüler dieselbe Lehrerin oder derselbe Lehrer. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie viele meiner Mitschüler unseren Sportlehrer bzw. Kunstlehrer verehrten. Meist cool gekleidet, oft flockige Sprüche auf der Zunge und ansonsten streng in seinen Ansichten hatte er einen Nimbus, der seinesgleichen suchte. Ich konnte ihn gut leiden, aber mein Favorit war er nicht. Mein Held war eher vom alten Schlag: fordernd, konservativ und gerecht. Und genau hierin liegt die große Kunst, nicht nur eine Lehrerin oder ein Lehrer zu sein, sondern ein „Superheld“.

Es kommt auf die Lehrerpersönlichkeit an. Und hier liegt wohl das Hauptproblem. Wir reden in der Ausbildung über Methodenvielfalt und Digitalisierung, über Sozialformen und was nicht alles für wichtige Dinge. Dabei ist es letztlich entscheidend, wie jemand vor der Klasse steht. Schaut her, ihr könnt von mir etwas lernen. Wenn sie oder er es versteht, die Schüler dazu zu bringen, dass sie das auch wollen, dann ist der größte Schritt getan. Wenn Lehrerinnen und Lehrer diese Ebene mit ihren Schülern nicht finden, müssen sie in jeder Stunde über 100 Prozent geben, um überhaupt einen vernünftigen Unterricht machen zu können. Klappt dies nicht, dann versucht man mit Strenge und Strafen das durchzusetzen, umso die fehlende Führungspersönlichkeit zu kompensieren. Welche gewaltigen Kraftanstrengungen dafür notwendig sind, kann sich jeder denken. In letzter Konsequenz endet dies meist in einem kolossalen Scheitern. Der vermeintliche „Superheld“ wird zum burnoutierten Wrack.

Der renommierte Bildungsforscher John Hattie fasst es mit seinen Worten in etwa so zusammen: „Das Wichtigste für den Lernerfolg der Kinder ist ein guter Lehrer“. Nun gibt es aber ein elementares Problem. Persönlichkeit kann man nicht lernen. Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer ins Referendariat kommt, dann ist die Persönlichkeitsentwicklung abgeschlossen. Deshalb sollte sich jeder vorher fragen: Bin ich die oder der richtige für den Lehrerberuf.

Es gibt aber diese Lehrerinnen und Lehrer, die kommen zur Tür rein und mit ihnen eine Aura, die so schwer wiegt, dass die Schüler „verzaubert“ sind. Auch wenn es vielleicht ein wenig zu einfach klingt aber die Lehrerpersönlichkeit steht bei den Gelingensbedingungen für eine positive Lehrer-Schüler-Beziehung an erster Stelle. Was nützt es einem genialen Physiker, der in seinem Fachwissen gefangen ist, wenn er zu den Schülern kein vernünftiges Verhältnis aufbauen kann. Oder auch die Kollegin, die mit ihrer extrem hohen Stimme im Stimmengewirr der Schüler untergeht. Auch Kleidung macht bekanntlich Leute. Diese Instrumentarien unterschätzen viele Kollegen. Aber auch hier sollte man einmal drüber nachdenken. Ein Lehrer, der im Hawaiihemd und kurzer Hose zur Prüfung erscheint, signalisiert nicht den nötigen Ernst. Eine Kollegin, die gestylt in die Schule kommt als ob sie zum Opernball gehen möchte, führt zur Belustigung der Schüler.

Jeder Lehrer ist eine Führungskraft. Ohne jegliche Erfahrung kommt man in diese Position. In vielen anderen Berufszweigen steigt man langsam auf, man hat Zeit zum Entwickeln. In der Schule wird man eigentlich unvorbereitet in eine solche Führungsposition geworfen. Allen, die noch am Anfang ihres Lehrerdaseins stehen, kann man nur den Rat geben, nicht zu ungeduldig zu sein. Eine bestimmte Position erarbeitet man sich im Laufe der Zeit. Leider sollte man hier fairer Weise sagen, dass dies sowohl in die positive Richtung als auch in die negative Richtung gehen kann. Oft braucht es Jahre, bis man einen bestimmten Status erreicht hat, der dann auch zu einer Führungspersönlichkeit gehört. In einer Unterrichtsstunde hat der „Superheld“ bis zu 200 Entscheidungen zu treffen und durchschnittlich 15 erzieherische Konfliktsituationen zu meistern. Schauen sie sich mal in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis um. Wer muss in seinem beruflichen Umfeld eine solche Anzahl von Entscheidungen treffen?

Wer sich heute für den Lehrerberuf entscheidet, dem sollte klar sein, dass er nicht nur ein Betätigungsfeld zu bewirtschaften hat. Man ist Seelsorger, Sozialarbeiter, Krankenschwester, Therapeut, Pfarrer, Psychologe und wenn es besonders emotional wird auch Ersatzvater oder Ersatzmutter. Deshalb denke ich: Der Lehrerberuf ist nicht nur einer der schönsten, er ist auch einer der schwersten Berufe. Man hat extrem viel Verantwortung, muss fachlich im Stoff stehen, Kinder mögen, Überraschungen vertragen, nicht lärmempfindlich sein und das ganze menschliche Feld abdecken. Die Anforderungen sind also dementsprechend sehr hoch. Aber „Superhelden“ lieben ja die Herausforderung.

P.S. Fast hätte ich es vergessen. Und Humor sollte man als „Superheld“ haben, am besten davon reichlich. Eine Unterrichtsstunde, in der nicht gelacht wird, ist eine schlechte Stunde.

 

Ludger Thieler,

stellv. Landesvorsitzender